Galerie

Carlo Scarpas Olivetti-Geschäft

Details als Gestaltungswerkzeug

Im Herzen der Piazza San Marco, unterhalb der Procuratie Vecchie, befindet sich eines der raffiniertesten und sorgfältigsten Interieurs der Architektur des 20. Jahrhunderts: der Olivetti-Laden, entworfen von Carlo Scarpa zwischen 1957 und 1958. Ein scheinbar kleines Werk, von außen fast unsichtbar, das in Wirklichkeit eine außergewöhnliche Designdichte auf nur wenigen Quadratmetern konzentriert.

Adriano Olivetti beauftragte Scarpa mit dem Entwurf eines Showrooms, der mehr als nur ein Verkaufsraum sein sollte – ein wahres kulturelles Manifest. In jenen Jahren legte Olivetti größten Wert auf Projektqualität: Architektur, Design, Grafik und Kommunikation trugen alle dazu bei, ein kultiviertes und modernes Unternehmensimage zu schaffen. Die Wahl des Markusplatzes, eines symbolträchtigen und geschützten Ortes, machte die Herausforderung noch anspruchsvoller.

Scarpas Entwurf verzichtet auf historische Nachahmung und scharfe Kontraste. Das Geschäft fügt sich dezent in die monumentale venezianische Umgebung ein und konzentriert sich vor allem auf den Innenraum, in dem eine sorgfältig abgestimmte Raumfolge entsteht. Der Eingang vom Platz aus ist als Schwelle konzipiert: ein sanfter Übergang zwischen dem pulsierenden öffentlichen Raum und einer behaglichen, fast schwebenden Atmosphäre, in der jedes Element bis ins kleinste Detail durchdacht ist.

Der Hauptraum entfaltet sich als einheitliche und zugleich komplexe Umgebung, die durch verschiedene Geschosse, Kulissen und Höhenunterschiede gestaltet ist. Es gibt keinen einzigen Blickwinkel: Die Besucher werden auf einem fließenden Pfad geführt, auf dem Ausstellung, Bewegung und visuelle Wahrnehmung ineinandergreifen.

Das Treppenhaus des Olivetti-Geschäfts

Funktion, Skulptur, Raum

Im Olivetti Store ist die Treppe nicht einfach nur ein Verbindungselement zwischen den Ebenen, sondern eines der wirkungsvollsten räumlichen Gestaltungselemente des gesamten Projekts. Carlo Scarpa konzipierte sie als autonomes Objekt, beinahe als bewohnbare Skulptur, die den Raum strukturiert und den Blick des Besuchers lenkt.

Die Konstruktion wirkt leicht, schwebend, eher durch Weglassen als durch Anhäufen entstanden. Die Stufen bilden keinen kompakten Körper, sondern eine Abfolge von Ebenen, die im Raum zu schweben scheinen, das Licht filtern und eine ständige visuelle Verbindung zur Umgebung herstellen. So unterbricht die Treppe nie die Kontinuität des Raumes, sondern erweitert sie vielmehr.

Kompositorisch wird die Treppe zum Dreh- und Angelpunkt des Interieurs: Wege, Ausblicke und Verweilmomente sind um sie herum angeordnet. Das Treppensteigen ist nicht nur eine funktionale Geste, sondern ein sinnliches Erlebnis, geprägt von Höhenunterschieden, ungewöhnlichen Perspektiven und der engen Verbindung mit den Materialien. Jede Stufe ist mit äußerster Präzision gestaltet, ebenso wie die Konstruktionsdetails und Verbindungen, die Scarpa in ausdrucksstarke Elemente verwandelt.

Die Treppe ist ein Paradebeispiel für Scarpas Arbeitsweise: handwerkliche Detailgenauigkeit, absolute Beherrschung der Proportionen, raffinierter Umgang mit Materialien und die Fähigkeit, ein technisches Element in ein architektonisches Meisterwerk zu verwandeln. Es ist kein Zufall, dass diese Treppe zu einem der bekanntesten Wahrzeichen des Olivetti-Geschäfts und zu den meistzitierten Beispielen für Carlo Scarpas Werk in Venedig geworden ist.


Bodenbeläge und Materialien

Materie als eine Geschichte des Raumes

Im Olivetti Store räumt Carlo Scarpa dem Boden und den Materialien eine zentrale Rolle bei der Gestaltung des Raumerlebnisses ein. Der Boden ist nicht bloß eine neutrale Fläche, sondern eine wahrhaft narrative Oberfläche, die Bewegungen lenkt und mit Licht und Wasser interagiert – Elemente, die tief in der venezianischen Kultur verwurzelt sind.

Der Boden besteht aus einer raffinierten Materialtextur, die Stein- und Glaseinsätze kombiniert und so eine lebendige, abwechslungsreiche Oberfläche schafft. Das Design ist nicht im herkömmlichen Sinne dekorativ: Es ist ein moduliertes Feld, das den Besucher auf seinem Weg begleitet und das Licht auf immer neue Weise reflektiert, wodurch die Wahrnehmung des Innenraums verstärkt wird.

Die gleiche Sorgfalt findet sich in der Auswahl und Verwendung anderer Materialien. Stein, Glas, Gips und Metall werden als eigenständige, aber dennoch aufeinander abgestimmte Elemente behandelt, jedes mit seiner eigenen Ausdrucksfunktion. Messing, das in Details, Verbindungen und Profilen zum Einsatz kommt, wird zu einer Art Satzzeichen in der Architektur: Es markiert Übergänge, Verbindungen und Schwellen und macht die Art und Weise sichtbar, wie die Teile aufeinandertreffen.

Scarpa arbeitet mit kontrollierten Kontrasten: Opake und reflektierende Oberflächen, kompakte Massen und leichte Elemente, traditionelle Materialien und moderne Lösungen koexistieren in einem äußerst ausgewogenen Verhältnis.
Auch hier werden die Konstruktionsdetails nie versteckt, sondern ganz natürlich zur Schau gestellt, wodurch die Technik in eine Architektursprache verwandelt wird.

Im Olivetti Store bedecken die Materialien nicht nur den Raum, sie prägen ihn. Jede Materialwahl trägt zur Identität des Raumes bei und macht das Interieur zu einem bedeutungsvollen Mikrokosmos, in dem Handwerkskunst, Moderne und venezianische Tradition untrennbar miteinander verschmelzen.

Das Wasser

Wasser, ein zutiefst venezianisches Element und ein wiederkehrendes Motiv in Scarpas Werk, gelangt durch einen kleinen, nahtlos in die Architektur integrierten Zierbrunnen in den Raum. Es ist kein bloßes Dekorationselement, sondern Teil der Raumkomposition: eine Anspielung auf die Stadt, ihre flüssige Materie und den Lauf der Zeit. Den Dialog zwischen Architektur und Kunst vollendet eine Skulptur von Alberto Viani, die als integraler Bestandteil der Raumkomposition eingefügt ist.

Der Olivetti Store ist ein Paradebeispiel für Scarpas Designansatz unter beengten Rahmenbedingungen. Historische, regulatorische und umweltbedingte Einschränkungen, darunter das Hochwassermanagement, bieten Raum für intelligente und innovative Lösungen. Nichts wird dem Zufall überlassen: Jedes Detail, von der Schaufensterdekoration bis zum Türgriff, ist als Teil eines stimmigen Gesamtsystems konzipiert.

Nach der Schließung des ursprünglichen Geschäftsbetriebs verfiel das Gebäude eine Zeitlang, bis es restauriert und 2011 wiedereröffnet wurde. Heute wird der Olivetti Store von der FAI geschützt und gefördert, die für seine Öffnung und Instandhaltung verantwortlich ist und den Besuchern eines der intensivsten und zugleich filigransten Meisterwerke Carlo Scarpas zurückgibt.

Olivettis Geschäft am Markusplatz ist mehr als nur ein Laden – es ist ein Laboratorium der Ideen, ein meisterhaftes Beispiel für die Beherrschung von Raum und Detail, ein Ort, an dem Architektur, Design und Handwerkskunst in einer seltenen Harmonie verschmelzen. Ein Werk, das man aufmerksam und langsam betrachten sollte, sich von den Materialien, Proportionen und der Stille leiten lassen, die nur Scarpa so meisterhaft zu erschaffen vermochte.


Fotos aufgenommen im Juni 2018

zugehörige Fotogalerien

Ticketbüro der Biennale Venedig

Ehemaliger GAVINA Store von Carlo Scarpa

Stiftung Querini Stampalia

Architekturzeichnungen von Carlo Scarpa (DWG-Zeichnungen)

Stiftung Querini Stampalia

Skulpturengarten

Hauptsitz der Banca Popolare di Verona

Ottolenghi Villa